Foto: Peter Hollenbach

Rainer Tittelbach über Ursula Cantieni



Schauspieler sind Menschen, die in fremde Rollen schlüpfen, uns etwas vorspielen, vorgaukeln. Ursula Cantieni ist Schauspielerin. Doch wer bei "Die Fallers" reinschaut, jener eigenen Melange aus "Lindenstrasse", Heimatfilm und mündlich überlieferter Geschichte, wer sieht, wie hier allsonntäglich diese Johanna langmütig die Milchkübel wuchtet und die bäuerliche Variante der Institution Mutter gibt – der muss sich zwangsläufig die Augen reiben, wenn er der Cantieni im richtigen Leben begegnet.

Von dieser edlen Einfalt und stillen Größe jener Schwarzwald-Landfrau ist bei Ursula Cantieni nichts zu sehen. Kittelschurz und Kopftuch sind durch Kaftan und High Heels ersetzt, die gebeugte Demutshaltung einem energischen, aufrechten Gang gewichen. Die abgeschaffte Sympathieträgerin ist zur Powerfrau geworden. Die lächelt nur selten milde, die lacht kraftvoll heraus. Und es blitzt nur so in ihren Augen. »So lange mit einer Figur unterwegs zu sein, ist schon etwas Besonderes.« Sie leuchte, sagt sie, »mit der Zeit in jede Nische meiner Johanna, ich bin in ihr zu Hause«. Glücklich klingt sie, dankbar wirkt sie, da ist sie fast auf Augenhöhe mit ihrer Serienheldin. Doch Ursula Cantieni sieht auch die andere Seite. Spürt die Zwänge des »Serienfabrikle« – im Kreuz, im Hirn, im Herzen. Und sie ist kritisch: »Ständig muss man sich fragen: stimmt noch alles?« Beim Start von die Fallers 1994 stimmte nur wenig:Die Rollen-Biografie las sich anders als die ersten Drehbücher, vom starken Charakter mit der großen Übersicht war in den Johanna-Texten kaum etwas zu spüren. Erst in Folge 25 fiel der erste Satz, in dem Johanna Stellung beziehen durfte. Noch heute ist Cantienis Ärger spürbar, wenn sie sich an die Sätze von damals erinnert: »Magsch a Kaffee?« oder »Komm’rei’, was isch, was hasch?« Johanna als »Verkehrspolizist in der Küche«, und ihre Texte, »die waren zum Mäusemelken«.

Doch schon damals nimmt sich Cantieni die Freiheit, ihre Sätze leicht, aber entscheidend umzubauen. Für eine diplomierte Sprecherzieherin, mit 27 Jahren bereits Professorin an der renommierten Folkwang- Schauspielschule, kein Problem. Der Urgrund für ihre Liebe zur genauen Sprache liegt wohl in ihrer Schweizer Herkunft: Mehrsprachig aufgewachsen, hat sie bereits früh Kontakt mit der Mundart. Doch auch nonverbal hilft Cantieni ihrer Johanna auf die Füße. Noch heute sind es die kleinen Gesten – ein Blick, oft nur ein Augenaufschlag, der andeutet, was in der guten Seele alles vor sich geht. Cantieni ist so frei, das subtile Arbeiten, das sie am Theater gelernt hat, sich auch in einem Genre zu leisten, das gemeinhin für nur wenig subtil gehalten wird. Nicht selten bringt sie auch ihre Ideen in die Handlung ein. So durfte Johanna einen Hofladen eröffnen oder wurde wie die Schauspielerin mal selbst von Rückenschmerzen überrascht. Zur Heilung, auch dies ein Reflex auf das wirkliche Leben, schickten sie die Drehbuchautoren daraufhin zur Kur nach Baden-Baden. Wer sieben Jahre Schauspieler ausgebildet und beim Schweizer Fernsehen Moderatoren gecoacht hat, ist gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. »Ich denke gern für das Ganze«, gibt Cantieni offen zu. Und auch, dass sie Schwierigkeiten habe, sich bedingungslos in einer Hierarchie bewegen zu müssen: »Wenn man mich nicht mitdenken lässt, werde ich sauer – und dann mache ich mir von Zeit zu Zeit Luft.«

So freundlich sie ist, so resolut und bestimmt kann sie auch sein. Wenn sie etwas aufregt, hält sie damit nicht lange hinterm Berg. Und belächelt man gar ihre Öffentlichkeitsarbeit rund um Die Fallers, sieht sie regelrecht rot: »Ich werde stinksauer, wenn ich gesagt kriege: ›Ach, gehst du wieder zu den Landfrauen tingeln?‹ Denn der Kontakt zu den Menschen bedeutet ihr viel. Gerade für Die Fallers ist es wichtig, nicht nur bei großen Landwirtschaftsausstellungen oder Touristikmessen, sondern auch auf Weihnachtsmärkten oder beim Brotbacken mit den Schwarzwälder Landfrauen dabei zu sein: »Unsere Klientel sitzt nun mal auf dem Land, in den Dörfern und kleinen Städten.« Schon in Ordnung, dass zwischen der Serienfigur und ihrer Person oft nichtunterschieden wird, denn Serie arbeitet nun mal mit diesem Mischpotenzial von Realität und Fiktion. Auch dass sie auf der Straße mit Johanna oder Frau Faller angesprochen wird, macht ihr nichts aus. Im Gegenteil: Sie weiß es zu schätzen, dass »ihre« Johanna die absolute Sympathieträgerin der Serie ist. Die Mutter, die vermittelt, sich kümmert, sorgt. Die Zuverlässige, die »aber nicht zu allem Ja und Amen sagt«. Dies, so erfährt sie in Gesprächen und Briefen immer wieder, imponiert dem Zuschauer.

In den vergangenen Jahren hat Ursula Cantieni versucht, sich von ihrem Fernseh-Ego stärker zu emanzipieren. Kam sie früher zu öffentlichen Veranstaltungen gar in Kittelschurz und Kopftuch, zieht sie heute ein Trachtenkostüm vor. Für TV-Auftritte greift sie in ihren eigenen, »dirndlfreien« Kleiderschrank. Zieht das an, was sie auch privat bevorzugt trägt: gepflegt Elegantes. Ganz die Frau von Welt, die neben einer Wohnung in Baden-Baden und Konstanz noch ein »Lustdomizil« in Straßburg hat. Eine Frau, die Schuhe sammelt (über 100 Paar!), und die einen Mann liebt, der 15 Jahre jünger ist als sie.

Wer seit 1994 in einer Serie wie Die Fallers spielt, bei dem vergisst man leicht, dass es auch noch ein Leben neben dieser vermeintlichen Lebensrolle gibt. Doch Johanna, darauf legt die Cantieni wert, soll nicht zum Nabel ihrer Welt werden. Kleine Gast-Rollen wie in den Fernsehfilmen »Mein Kind soll leben«, der Grimme-Preis-gekrönten Produktion »Die Elsässer«, im Tatort oder in einer Sat-1-Comedy sind willkommene Abwechslung. Doch Ursula Cantieni will auch auf anderen Feldern etwas bestellen: als Präsidentin einer Schweizer Stiftung, die künstlerisch und sozial engagierte Graubündner Frauen auszeichnet, oder als Botschafterin Baden-Württembergs bei der Schweizer Expo 2002.

Im gleichen Jahr hat sie auch ihr erstes Buch geschrieben. Im Besitz der Kochbücher ihrer Urgroßmutter, Großmutter und Mutter, schwebte ihr ein Kochbuch über die Graubündner Küche vor, mit originalen Familienrezepten aus vier Generationen. »Doch ein pures Kochbuch, das kann es nicht sein«, befand die Cantieni und schrieb Geschichten um die Rezepte herum. Schwer fiel ihr das nicht. Aufgewachsen bei ihren Großeltern, die in Klosters ein Mädcheninternat mit Haushaltsschule führten, wurde dort die Basis gelegt für ihr perfektes gesellschaftliches Auftreten und gepflegte Esskultur. Die Erinnerung an diese ersten zehn Lebensjahre im Schweizer »Paradies« sind sehr persönlich geraten, verraten aber auch einiges über die Ideale der 50er Jahre.

Beispielsweise, wie sich damals Väter ihre Töchter und Männer ihre Frauen gewünscht haben. Das Szenario von Cantienis Kindertagen nimmt sich aus wie die ideale Kindheit einer Frau, die später ganz im Dienste ihrer Familie aufgehen würde: »Ich hatte tatsächlich immer gedacht, ich heirate früh und kriege viele Kinder «, sagt sie – und lacht. Bald merkt sie jedoch, dass ihr der Beruf wichtiger ist. Ursula Cantieni entsorgt den Muff der 50er aus ihrem Leben und verabschiedet sich von einer Welt, in der ein gelungener Bündner Kreuzstich zum größten Glücksgefühl einer Frau gehört. Sie studiert, wird Professorin, Schauspielerin, Buchautorin – die Hochzeitsglocken läuten erst mit 50. Die »Kochgeschichten « schreien natürlich nach Lesung. Waren es früher Rezitationsabende mit Kafka, Kleist oder Goethe, deklamiert Ursula Cantieni heute spielerisch die eigenen Texte. Sprache – besser: das Sprechen – ist schließlich seit fast 40 Jahren ihr Metier. Stichwort: Ihre Arbeit am Schauspiel-Institut der Folkwang- Schule. Da purzeln nur so die Fachvokabeln, da ist von Stützarbeit die Rede, von emotionalem Atmen, von spielerischer Atemführung oder Einpendeln der individuellen Stimmlage. Auch an das Coaching der TV-Moderatoren beim Schweizer Fernsehen erinnert sie sich gern.


Genauso wie an die vierzehn Jahre auf der Bühne. Mit 30 hängt sie ihre Professur an den Nagel, spricht 1978 mit Erfolg beim Esslinger Theater vor. 1982 der Wechsel zum Stadttheater Konstanz, später arbeitet sie frei. Ein Erfolg über Landesgrenzen hinweg ist ihre Geesche in Fassbinders »Bremer Freiheit«, gern erinnert sie sich auch an die Uraufführung von Martin Walsers »Ein fliehendes Pferd« in Meersburg. Eine tolle Zeit. Im Stil einer Molièreschen Komödianten-Truppe tourt sie durch Frankreich, tanzt Cancan, singt in der politisierten Jacques-Offenbach-Version »Als ich noch Prinz von Arkadien war« oder brilliert als Bäuerin in »Der Polenweiher« (Regie: Eberhard Feik). Ihr Gänsehaut-Erlebnis: Brechts »Antigone«. Als sie mit der Inszenierung im Oktober 1989, kurz vor dem Mauerfall, am Deutschen Theater in Ostberlin gastiert, gibt es immer wieder Szenenapplaus.

Ihre Biografie – voller spannender Brüche. Ursula Cantieni geht gerne ihren eigenen Weg. Ihr ist wichtig, immer wieder »etwas loszulassen«, neue Herausforderungen anzunehmen. Auch wenn sie oft Umwege gegangen ist: Das Quer-Einsteigen hat bei ihr auch etwas mit Quer-Denken zu tun. Das heißt bei ihr: »Grenzen spüren und Grenzen überwinden – das ist Freiheit.« Gemeint sind offenbar auch die Begrenzungen, die sich das streng erzogene Schwyzerkind zwischenzeitlich selber auferlegt hat. Doch wer diese Grenzen aus eigener Kraft überwindet, für den scheint das Gefühl von Freiheit intensiver zu sein. Cantieni will das Bisherige nicht auf sich beruhen lassen. Als eine »im besten Sinne emanzipierte Frau«, die in turbulenten Beziehungszeiten auch die Nöte der Männer sieht, gibt es für sie auch ein Leben nach Die Fallers. Wer sie kennt, weiß: das langweiligste wird es nicht sein.


SWR-Doppelpfeil 4/2003

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