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... der Preis ist übergeben



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Das Jazz-Trio
Alessandro d'Episcopo, Kalli Gerhards und Gieri Bievi
... sie spielten hinreissend – auch Caravane!



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ILL-Stiftungsrat und Preisträgerinnen

ILL-Preisverleihung 2011 am
29. November im Kulturschuppen in Klosters/CH



Interview mit Ursula Cantieni für die Klosterser und die Prättigauer Zeitung

Die diesjährige Preisverleihung ist in dreierlei Hinsicht ein besonderes Ereignis:
Vor genau 10 Jahren fand das erste Konzert im noch nicht umgebauten Kulturschuppen statt und leitete die Erfolgsgeschichte dieses Kulturlokals ein.
40 Jahre sind seit der Gründung der KGK vergangen. Gründungsmitglieder waren neben Karl Landolt seine Tochter Verena Landolt (erste Präsidentin der KGK) und Maria Kasper-Kuoni. Von Anfang an Frauen wirkten prominent und tatkräftig mit.

Auch die ILL-Stiftung feiert ein Jubiläum: Vor 20 Jahren übernahm die Schauspielerin Ursula Cantieni, die ältere Tochter von Verena Schmidt-Landolt, das Präsidium des ILL-Stiftungsrates. Unter ihrer schwungvollen Führung konnten alle zwei Jahre Kulturschaffende der verschiedensten Sparten geehrt werden. Nach 20 Jahren nun gibt Ursula Cantieni hier in Klosters, dem Ort ihrer Kindheit den Stab weiter an ihre Cousine Ariane Bolli-Landolt, die jüngste Tochter von Thomas Landolt – womit sich für sie der Kreis schliesst.

„Grenzen spüren, Grenzen überwinden – das ist Freiheit!“

Ursula Cantieni kennt man in Klosters, wenn nicht von der Fernsehserie „Die Fallers“, dann von ihrem Buch „Kochgeschichten“, in denen sie alte Familienrezepte herausgab, und ältere Semester haben mit ihr vielleicht sogar gemeinsam die Schulbank gedrückt. Denn ihre Kindheit verbrachte Ursula Cantieni als Enkelin von Irma und Karl Landolt im damaligen Töchterinstitut auf dem Höfli in Klosters.

Ariane Bolli: Du hast die ILL-Stiftung 20 Jahre lang neben deiner vielfältigen Arbeit als Schauspielerin und Sprechausbildnerin präsidiert und sie zum Blühen gebracht. Welche Bedeutung hat diese Stiftungstätigkeit für dich persönlich?

UC: Die Grossmutter war für mich als Kind eine ganz starke Bezugsperson. Bei ihr, beim Grossvater und der Urgrossmutter durfte ich meine ersten 9 Lebensjahre verbringen, während meine Mutter nach dem frühen Tod ihres Mannes in Zürich weiter arbeitete. Von Irma, Karl und Veronika bekam ich viel Liebe und Zuwendung, und obendrein eine solide kulturell-gesellschaftliche „Grundausstattung“, von der ich bis heute zehren kann... und wie hätte ich dafür besser danke sagen können, als tatkräftig an der Ausgestaltung der ILL-Stiftung mit zu wirken.

AB: Deine Kindheit hast du als Tochter von Verena Landolt im Institut in Klosters verbracht und dabei das Wirken von Irma Landolt, unserem Noni, unmittelbar erfahren. Was für eine Frau war sie und welche Erinnerungen haben sich dir besonders eingeprägt?

UC: Die Emanzipation der Frau war für mich kein brennendes Thema – zunächst: denn das Institut war geprägt von starken Frauenpersönlichkeiten. Allen voran natürlich Irma, die sich um alles kümmerte – im Hintergrund als gestrenger Supervisor die Urgrossmutter Veronika, – und Frau Attenhofer, mit jedem gesellschaftlichen Niveau auf Du und Du, mit allen Raffinessen vertraut – im Umgang und selbstverständlich auch kulinarisch. Sie leitete die Haushaltungsschule. Auf den Großvater Karl war nicht immer Verlass, hatte er doch immer wieder mit seinen „guten“ und „schlechten“ Tagen zu kämpfen... beide hatten ihre Tücken, die „Event-Planung“ nahm darauf Rücksicht. Dafür war sein literarischer und geschichtlicher Fundus unerschöpflich, was die Mädchen immer wieder im Unterricht und bei den gepflegten Tischgesprächen zu spüren bekamen.
Dennoch kann ich aus meiner Rückschau sagen: es waren die Frauen, die den Laden geschmissen haben – und so habe ich von klein an ein starkes, tatkräftiges Frauenbild mit auf den Weg bekommen – was später als Heranwachsende in Deutschland doch mit einigen schweren Fragezeichen versehen wurde... Bündner sind bekannt für ihren harten „Grind“, den habe auch ich mit auf den Weg bekommen. Und da ich auf keinen Fall auf meine Autonomie, meine Selbstbestimmung als Mensch verzichten wollte – ich immer noch im Besitz der Schweizer Staatsangehörigkeit war, samt deren Rechte und Nicht-Rechte, sah ich es nicht ein, für dies oder jenes beim Ehemann die Unterschrift einholen zu müssen – und so beschloss ich, einfach nicht zu heiraten... was vom damaligen Zeitgeist der 68er noch unterfüttert wurde. Und dass die Frau arbeitet, berufstätig ist, Verantwortung übernimmt, war für mich normal, hatte ich doch neun Jahre lang dieses starke Frauentrio vor Augen.

AB: In deinem Buch „Ursula Cantieni’s Kochgeschichten“ erzählst du verschiedene Müsterchen vom Leben im Töchterinstitut. Gab es ein eigentliches Familienleben oder war das eine Gemeinschaft von Familienmitgliedern, Lehrpersonen und Schülerinnen?

UC: Es gab wunderbare Rituale in großem und ganz kleinem Kreis. Etwa die Waldweihnacht zusammen mit den Schülerinnen, bevor sie nach Hause fuhren. „Noni“ hat ein besonders schönes Plätzchen mit einem besonders schönen Tannenbaum im Wald ausfindig gemacht. Der Baum wurde geschmückt mit Lametta, Äpfeln, Kerzen und Wunderkerzen, Glühwein stand bereit, und dann machte sich die ganze Mädchenschar in der Dämmerung auf den Weg zum Bäumchen am geheimen Platz – quer durchs Unterholz zu einer kleinen Lichtung, und da erstrahlte der Weihnachtsbaum im Kerzenschein: Die Flöte stimmte an, und wir sangen mehrsprachig „O Tannenbaum“ – danach las Irma die Weihnachtsgeschichte vor, wünschte allen ein schönes Fest, wir wärmten uns mit dem Glühwein, die Haushaltungsschülerinnen liessen uns ihr Weihnachtsgebäck kosten, und mit wohligem Gefühl im Bauch und einem Glitzern im Auge machten wir uns auf den Heimweg.
Die Waldweihnacht hat oft die „richtige“ Weihnacht überstrahlt.

Oder der „Schwarze Kaffee“ nach dem Mittagessen: Die Grosseltern, Lehrer, und ich mit der Aufgabe, eine halbe Stunde auf dem harten Boden liegen – für den Rücken... in der Zimmerecke hinter Nenis Lehnstuhl. Wie oft haben sie meine Anwesenheit vergessen und delikate Dinge besprochen. Meine ersten Lebenslektionen! Das ist ja auch im Buch nachzulesen.

AB: Wie war das Töchterinstitut mit der Gemeinde verbunden?

UC: Vielfältig. Die Geschäfte freuten sich über die Einkäufe des Instituts und der Schülerinnen. Die Skilehrer freuten sich über Extra-Einsätze... und der Kurverein freute sich über die kostenlose, weltweite Propaganda, die Ärzte kamen auch zum Zug – ob die Berufswahl von Thomas damit zusammenhing, wage ich nicht zu beurteilen – und die renommierten Hoteliers und Gatronomen bildeten die Jury für das Haushaltsdiplom.

AB: Kommen wir nochmals auf die Stiftung zu sprechen. Wie hast du es von Deutschland aus geschafft, diese kleine Prättigauer bzw. Bündner Stiftung am Leben zu erhalten und ihr immer wieder neue Impulse zu geben?

UC: Ich habe mit meinen Stiftungsrätinnen stets gute „Anchor-Women“ vor Ort gehabt! Sie hatten die Nase im Wind. Auch wenn ich weiter weg war, oft habe ich dies sogar als Vorteil empfunden: Mein Blick auf Vorschläge und Situationen war meistens frei, unvoreingenommen und niemandem verpflichtet, ausser dem, was in der Satzung festgeschrieben ist.

AB: Nach welchen Kriterien habt ihr jeweils Preisträgerinnen ausgewählt?

UC: Die Abwechslung war und ist uns ein Anliegen. Einmal, dass Frauen aus den verschiedenen Regionen Graubündens berücksichtigt werden – immer wieder zurückkehrend ins Prättigau, wo die Stiftung vom Grossvater Karl Landolt gegründet wurde. Dann versuchen wir, Frauen oder „weiblich geprägte“ Einrichtungen mit ganz unterschiedlichen Themen und Zielen in künstlerischen, kulturellen und sozialen Bereichen in den „Spot“ des Irma-Landolt-Preises zu stellen.

AB: Gibt es spezielle Highlights in deiner Wirkungszeit?

UC: Ohne dass wir angestrengt darüber nachgedacht haben, war von Anfang an ein Leitsatz für die Art unserer Preisfeiern da: Jede Feier ist ein Unikat. Die Personen, der Ort, der Raum, die Musik verbinden sich zu einer eigenen Komposition, Menschen sollen sich – wieder – begegnen und zusammen geniessen. Dies haben wir jedes Mal realisieren können – für mich ein Dauer-Highlight mit vielen wunderschönen Stationen.

AB: Und gab es auch Schattenseiten?

UC: Ja, wenn ich zu den Sitzungen in die Schweiz gekommen bin, hatte ich nie Zeit, um noch etwas zu verweilen – das wird ab jetzt anders! Preisfeier mit Umschwung! Und dann gab’s da noch einen speziellen Schatten: dass ich mich mit einer meiner ersten Stiftungsrätinnen, Maria Kasper-Kuoni, fürchterlich heftig und lang anhaltend in die Haare bekommen habe, als es um die Schrift-Gestaltung für die Einladung zu einer Preisverleihung ging. Ich war stur wie ein Esel, völlig übertrieben – und Marili konnte ja auch ganz gut beharren... jedenfalls wollte ich alles klein geschrieben haben, das war damals gerade chic – und für Marili war es der Untergang des Abendlandes, zumal die Preisträgerin Flandrina von Salis hieß... Nachträglich bitte ich rundum um Verzeihung.

AB: Was wünschst du der Stiftung für die Zukunft?

UC: Möge sie eine Frauenstiftung sein mit Weitblick, mit dem Blick dahinter, dem Schalk im Auge und dem Blick für’s Wesentliche – und damit das alles möglich bleibt, wünschen wir unserem Stiftungsschatzmeister Andrea Engi den nötigen Voausblick.

AB: Wie geht es in deinem Leben nach dieser 20-jährigen Stiftungstätigkeit weiter? Bleibst du mit Klosters weiterhin verbunden?

UC: Wurzeln bleiben Wurzeln! Zugegeben, sie sind mittlerweile unterirdisch weiter gewachsen, erstrecken sich durch ganz Graubünden, einige verwegene Ausläufer haben sich sogar bis nach Saas Fee vorgearbeitet, aber ganz klar immer im alpinen Bereich. Meine „Johanna Faller“ in der SWR-Fernsehserie „Die Fallers“ wird sich weiter um Hof und Familie kümmern, wie sie das schon seit 17 Jahren jeden Sonntag Abend tut, und am Montag Abend heisst es für mich: „Sag’ die Wahrheit“! Auch mein Arbeitspensum verdichtet sich immer mehr, sodass eine neue Maxime am Horizont auftaucht:

„Grenzen erkennen – Grenzen akzeptieren, eine neue Freiheit!“

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