Foto: A. Kluge / SWR

In guten Händen bei Feuerwehrmann Christian Haas



Foto: Klaus Gaiser

Das obere Drittel ist schon vollbracht



Foto: Klaus Gaiser

Fächernd im Tragegurt auf Baumhöhe

Mein Traumflug - ein persönlicher Erfahrungsbericht



Als der Fernsehturm 1956 eingeweiht wurde, war er der erste seiner Art weltweit. 2006 feiert das Wahrzeichen der Stadt Stuttgart und des Südwestrundfunks seinen 50. Geburtstag. Im Rahmen des SWR4-Sommerfest-Programms am Fernsehturm gab es auch eine spektakuläre Abseilaktion aus 170 Meter Höhe. "Fallers"-Darstellerin Ursula Cantieni wagte sich spontan von der Kanzel des Fernsehturms.

Wenn ich es vorher gewusst hätte ...
Sicher wären meine Gedanken dann an jenem Sonntag auf der ganzen Fahrt von Baden-Baden nach Stuttgart nur um den einen Punkt gekreist: "Traue ich mich, schaffe ich es?" Natürlich wäre ich am Abend vorher früh zu Bett, wahrscheinlich hätte ich nachts kaum ein Auge zugetan, weil ich immer wieder versucht hätte, mir den Moment des Ausstiegs vorzustellen. Vielleicht hätte ich sogar den Termin aus irgendwelchen vorgeschobenen Gründen kurzfristig abgesagt, weil mich die Phantasiebilder überwältigt hätten. Abgesehen davon, dass mein Arbeitgeber mir kaum das O.K. für diese spektakuläre "Rettungsaktion" gegeben hätte.

Es stand nicht im Drehbuch
Wir "Fallers", diesmal Adelheid Theil, die Sekretärin des Bürgermeisters und ich, wurden schon am Mittag in Stuttgart und zur SWR4-Sendung erwartet. Und da Abends die Fahrt noch weiterging, zum Aussendreh am nächsten Tag im Schwarzwald, konnte ich mich nicht fahren lassen, sondern ich musste selber ran! Tatsächlich wäre ich an diesem Nachmittag lieber an einem kühlen Schattenplätzchen im Liegestuhl gelegen, statt auf der glühend heißen SWR-Bühne am Fuß des frisch renovierten Fernsehturms die Versteigerung anzuheizen und anschließend noch zwei Stunden lang Autogramme zu geben. Ich danke meinem Pflichtgefühl, dass ich gekommen bin!

Frau Cantieni, hätten Sie Lust?
Annette Kobs von SWR4 führte Adelheid und mich in den Backstage-Bereich zu unseren Garderoben, vorbei am Essplatz im Freien für die Mitarbeiter. Dort saßen ein paar Feuerwehrleute in voller Montur. Ich fragte im Vorbeigehen, was sie denn hier am Schaffen seien? Sie würden Leute abseilen. Aha? Vom Turm. Und wer lässt sich da abseilen? Och, zum Beispiel der Christof Sonntag, der OB Schuster.

Interessant. Ja, Frau Cantieni, hätten Sie nicht auch Lust? Von ganz oben? Moment, da muss ich erst mal einen Augenblick in mich hineinhorchen, ich gebe Ihnen Bescheid. Mittlerweile telefoniert Annette mit den Organisatoren, ob sie mich, falls ich ja sage, einplanen könnten. Die Rückmeldung kommt prompt. Ja, in einer halben Stunde, und dann gleich mitnehmen in die Live-Sendung, davor erstes Interview mit Michael Branik. Langsam gehe ich die Treppe hoch zu meiner Garderobe.

Ein Kindheitstraum wird wahr
Damals, als die Familie nach Stuttgart gezogen ist, 1957, da war ich neun Jahre alt. Fast ein dreiviertel Jahr musste ich warten, bis ich das erste Mal rauf durfte. An wie vielen Sonntagen sind wir am Fernsehturm vorbeigefahren, und wieder und wieder sah man die endlosen Menschenschlangen an der Kasse, so dass mein Vater erleichtert abwinkte. Es hätte ja keinen Sinn und fuhr zurück nach Sillenbuch, wo wir wohnten. Ich verzog mich in mein Zimmer, oft gab es Tränen und der Vater war froh, drum herum gekommen zu sein. Nein, Höhe und Abgrund waren nicht sein Ding!

Die Entscheidung
Und jetzt könnte ich den Fernsehturm so erleben, wie sonst fast keiner: außen an ihm hinuntergleiten! Der Ausstieg geht über eine Stickleiter, dafür bräuchte ich noch passende Schuhe. Eine robustere Hose und ein T-Shirt habe ich in meinem Gepäck im Auto, die Kontaktlinsen würde ich dann einsetzen, die habe ich dabei.

Mit Zwanzig machte ich einen Bergsteigerkurs in meiner Heimat Graubünden. Am letzten Tag ging es ans Abseilen im "Dülfersitz" - diesen Begriff habe ich nicht vergessen. Ich habe mich nicht getraut, mich nicht abgeseilt, kleinlaut bin ich hinten herum den Berg zu Fuß wieder runter. In meiner Garderobe angekommen, rufe ich: "Anette, ich mach’s! Nach dem ersten Interview ziehe ich mich um." Nein, ich könnte jetzt nicht mehr sagen, was Michael Branik mich davor auf der Bühne alles gefragt hat. In mir versammelt sich etwas und ich nehme das Gefühl bewusst an: Ja, ich werde mich anvertrauen!

Kein Zurück?
Die geeigneten Schuhe lagerten im Handschuhfach meines Wagens, warteten auf ihren ersten Einsatz. Eine Kleinigkeit habe ich noch gegessen, als "Grundlage", aber eben nur eine Kleinigkeit. Und dann rief man uns bereits zum Aufzug. Adelheid begleitete mich. Wir wurden angewiesen, ganz vorne an der Tür zu stehen, weil wir als erste rausgehen. Nein, ich fahre nicht mehr zurück runter. "Aufzug zum Schafott" geisterte durch die Gedanken. Wir waren schon angekommen, es ging sehr schnell, die Lifttüren öffneten sich schlagartig. Wir treten raus in den Maschinengang, Rohre, Gitter, Messgeräte, hohe Fensterfront, Panorama, der Boden mit leichter Neigung nach außen, abwärts, oder täuscht mich mein Gefühl?

Oben und unten lächeln bitte!
Über dem Geländer, in circa eineinhalb Meter Höhe das offene Fenster, über den Sims laufen die Seile. Links der Seilberg, sorgfältig aufgeschichtet. Vor mir ein Feuerwehrmann mit blitzendem Auge - das brauche ich jetzt - ganz frontal und ziemlich nahe steht er vor mir, schaut mich an, fest, prüfend, ermutigend und fragt, ob ich alles abgelegt hätte: Schmuck, Uhr, alle Taschen leer? Ein Taschentuch habe ich noch, und meinen Fächer. Taschentuch o.k., Fächer abgeben!

Während ich in den Overall steige, überprüft Christian Haas die Seile und die Strickleiter. Ja, sie ist tatsächlich so schmal, wie mir bereits kolportiert wurde, etwa 15 cm breit. Ein anderer Feuerwehrmann macht den Gurt bereit, wir ziehen ihn hoch. Die Bauchbänder soll ich selber festziehen, aber am linken Oberschenkel hatte sich etwas verdreht, also nochmals retour und neu ordnen. Jetzt klappt’s, die Bauchbänder sind fest. Nebenher wird fotografiert. SWR-Fotograf Alexander Kluge meint: "Oben und unten lächeln, in der Mitte ist’s egal!"

Feuchte Hände, Schweiß auf der Stirn, aber ich mach es!
Der Chef der Feuerwehrtruppe Herr Mezger erklärt, was ich zu tun habe. Mein Blick bleibt an der hohen Fensterbrüstung hängen und dem Dahinter. Da gehst du jetzt raus. Schaffe ich es überhaupt erst mal da hoch auf den Sims? Und dann mit dem rechten Bein als erstes raus. Herr Mezger erklärt weiter, gerade will ich alles abnicken, da merke ich, dass ich ihm für einen Moment nicht exakt zugehört habe. Ich bitte ihn, mir den Ablauf nochmals zu sagen, das rechte Bein hängt schon über der Brüstung.

Jetzt präge ich mir alles ganz genau ein, und jetzt entscheidet es in mir: Das Bein bleibt draußen! Ich überlasse mich, ich tue genau das, was man mir sagt. Alle anderen Gedanken werden ausgeblendet. Ich halte mich an den Stellen, die Mezger und Haas mir zeigen. Meine linke Hand ist so feucht, zu feucht. Ich reibe sie an der Hose trocken, fasse wieder, setzte den linken Fuß in die nächste Schlaufe, Haas bestätigt und dann den rechten Fuß eins tiefer - fühlt sich komisch an, zu hart.

Mezger sagt zu Haas, er solle die Strickleiter mehr nach außen drehen, ich stünde auf der Kante! Auf der Kante der Außenhaut der Kanzel des Fernsehturms in 170 Meter Höhe! Dieses eine Wort "Kante" durchreißt meinen engen Gedankenkorridor, Bilder und Bewusstsein versuchen mich zu überfluten. Ein paar Sekunden lang, dann finde ich zurück in meinen "Schutzkorridor". Haas beobachtet Tritt für Tritt, nach dem Sechsten soll ich mich in den Tragegurt sinken lassen, ich könne mich an ihm halten, nur nicht ins Seil greifen!

Wie im Traum
Von diesem Augenblick an beginnt mein Traumflug! Haas spricht auf mich ein, lenkt meinen Blick an die Horizonte - sicher korrekt nach Lehrbuch -, für mich ist da was anderes. Der Fotograf will noch einen Blick nach oben in sein Objektiv – ja, auch recht – und jetzt erlebe ich meinen Traum: ganz still, völlig frei schwebend über der Landschaft, dem Land, keine Begrenzung zwischen Himmel und Erde, ein uraltes Traummotiv von mir ... es findet statt!

Haas redet weiter, erklärt. Ich frage ihn, wie lange die Reise dauert. Circa fünf Minuten. Wie schön! Er spürt meine Freude, macht eine seitliche Drehung und gestattet mir den Blick in die Tiefe und ich jauchze wie als Kind in den Bergen und dann schaue ich und schaue ich und auf einmal ist sie da, diese Gedichtzeile:

... und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Geräusche, Musik, auch Bäume kommen näher. Wieder eintauchen, auftauchen!
Christian Haas baut die Brücke perfekt. Er greift in seine Seitentasche am Bein und sagt: "Wenn Sie als Diva unten ankommen wollen, hier ist Ihr Fächer!" Elegant sind wir gelandet und in mir drin weiß ich: "Diese Minuten gehören zu den schönsten meines Lebens!"

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